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Leitgedanken


„Die Frage ist wichtiger als die Antwort“  (J. Korczak)

Leitgedanken und Leitfragen an die Lebenssituation und Begleitung
von Geschwistern behinderter Kinder


Um als begleitender Erwachsener die Fragen und Botschaften von Geschwistern  so zu hören,  wie sie von ihnen tatsächlich gemeint sind, jene Inhalte wahrzunehmen, auf die es den Kindern und Jugendlichen ankommt und sie in ihrem Sinn zu interpretieren, ist wichtig, sie von Fragen und Einstellungen, die aus der eigenen persönlichen Lebensgeschichte entstanden sind zu unterscheiden. Nur so wird effiziente Unterstützung möglich, das Risiko, eigene, vielleicht unbewusste und unaufgearbeitete Fragestellungen mit jenen der Kinder zu verflechten, so gering wie möglich gehalten.
Um sich den Fragestellungen der Geschwisterkinder anzunähern bedarf es unterschiedlicher Zugänge, wobei jede einzelne Aussagekraft in sich birgt, die als ein Beitrag zu einem Gesamtbild zu sehen ist und entsprechend eingeschätzt werden muss.
Sie alle gemeinsam können den Einstieg in die Begleitung und deren Richtung erschließen. Die folgenden Zugangsebenen und ihnen zugeordnete Leitfragen können denjenigen, die Geschwistern von Kinder mit Behinderung Begleitung anbieten als Orientierung dienen.

In der direkten Begegnung:
• In welchem Zusammenhang begegnen mir Geschwister von Kindern mit Behinderung direkt?
• Welche Eindrücke gewinne ich?
• Was lösen die Begegnungen mit Geschwistern in mir aus?
• Was wird in mir dadurch berührt?

Durch Schilderung von Familienangehörigen

• Von welchen Fragestellungen wird mir erzählt?
• Wer erzählt? Was bewegt Mütter, was bewegt Väter ?
• Von welchen Situationen wird mir berichtet?
• Aus welchem Anlass wird von den Geschwistern gesprochen?
• Mit welcher Absicht höre ich von der Lebenssituation der Geschwister?

Authentische Aussagen von Geschwistern
• im Gespräch
• durch Literatur
• aus Geschichten
• aus Briefen

Haltung zum Leben von Menschen mit Behinderung
• In welchem Zusammenhang sind mir Menschen mit Behinderung begegnet?
• In welcher Rolle habe ich mich mit Menschen mit Behinderung und ihren Familienangehörigen auseinandergesetzt?
• Was sind meine eigenen Fragestellungen in bezug auf Behinderung?
• Wie gut kenne ich meine eigene Biografie?
• Weiß ich um Fragestellungen in meiner Biografie, die ich mir noch nicht ansehen kann?
• In der Frage der Geschwister: als wer, wie bin ich angefragt?
• Weiß ich, was ich leisten kann? (erkennen, verstehen, vermitteln)
• Weiß ich um meine Grenzen? Was kann ich selbst nicht aushalten?
• Was kann ich mit meinen Möglichkeiten nicht leisten?

Ich als Anwalt des Geschwisterkindes:
• ihren Standpunkt ernst nehmen
• sie als ExpertInnen sehen
• genau hinhören
• nachfragen
• offen sein
• das Anliegen erkennen
• handeln?

Komplexität
• Rollen der Geschwister
• Geschwisterposition
• Art der Behinderung
• Familiäre Situation
• Umfeld der Familie ( Großfamilie, soziales Umfeld: Kindergarten, Schule)
• Auftrag an die Geschwister
• Fragestellungen, die aus der gesamten Lebenssituation erwachsen
• Besondere Lebenssituationen, die neue Fragestellungen hervorrufen
• Zwischen Anforderung und Überforderung

Angebote an Geschwister
• Ziel?
• Grundlagen?
• Voraussetzungen?
• Rahmenbedingungen?

Aufgrund dieser Zugänge ergibt sich, was Geschwister brauchen:
• Menschen, die sich fragen und anfragen lassen und bereit sind sich auf ihre Lebenssituation einzulassen, ihre Sichtweise einzunehmen
• Menschen, die bereit sind sich auf die Suche nach Antworten zu machen
• Menschen, die nicht sofort eine Antwort wissen
• Menschen, die sagen können, dass sie auf manche Fragen keine Antwort haben
• Menschen, die mit ihnen Situationen ansprechen, für die es Worte braucht
• Menschen, die warten können
• Menschen, die sich selbst mit der Lebenssituation „Behinderung „ beschäftigen, die an diese Lebenssituation Fragen haben
• Menschen, die Kinder sprechen lassen und nicht ablenken
• Menschen, die lernen zuzuhören und nachzufragen
• Menschen, die verstehen wollen, sich einlassen, nachfragen bis klar ist, was gemeint sein kann.
• Menschen, die diese Kinder nicht ein System bringen wollen, sondern mit ihnen suchen, was die Kinder brauchen
• Menschen, die bereit sind sich auf sich selbst und ihre Begegnungen einzulassen
• Menschen, die bereit sind sich zu konfrontieren mit Lebenssituationen, die unsicher sind und Angst machen ( für die es keine Verhaltensmuster, Anweisungen etc, gibt)
• Eltern, die mit ihnen über ihre eigenen Gefühle sprechen
• Eltern, die um Offenheit und Ehrlichkeit bemüht sind
• Eltern, die ihnen die Erwartungen sagen, die sie an die Geschwister haben
• Eltern, die ihnen mitteilen, wie sie als Geschwister auf sie wirken
• Eltern, die ihnen mitteilen, dass sie sich auch um sie sorgen
• Informationen über die Behinderung
• Wenn möglich den direkten Austausch mit der Schwester, dem Bruder über die Behinderung

„Ich will mein eigenes Motto“(Zitat eines 6jährigen Kindes)

Geschwister wollen ernst genommen werden
• mit ihren Fragestellungen in bezug auf die eigene Lebenssituation
• mit dem, was sie aussagen
• mit den Fragestellungen, die sie ganz persönlich betreffen
• durch Anerkennung für das, was sie leisten
• durch Anerkennung als ExpertInnen in eigener Sache

Begleitung heißt die Suche nach eigenen Wegen ermöglichen.

Marlies Winkelheide, Charlotte Knees, August 2005

               
Diese Seite wurde zuletzt am 15.06.2012 aktualisiert.